Almuths ethno-histo Blog

Dies ist Almuth Waldenbergers allererster Blog, den sie für das Tutorium zur Vorlesung "Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie" an der Universität Wien im Wintersemester 2005/06 eröffnet hat. Blogs Frauchen ist grundlos sehr stolz darauf und freut sich auf viele schöne Posts und Kommentare!

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Standort: Wien, Wien, Austria

Freitag, Januar 13, 2006

Essay: Lévi-Strauss’ Strukturalismus

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1. Die Quellen des Strukturalismus von Lévi-Strauss

Der erste wichtige Strukturalist war der Schweizer Ferdinand de Saussure, ein Linguist. Auch die unmittelbar nachfolgenden Strukturalisten beschäftigten sich mit Sprache. Die Nachfolger Saussures arbeiteten hauptsächlich in Prag.
Claude Lévi-Strauss kam während seines Exils im Zweiten Weltkrieg in New York (er war Jude) mit den ebenfalls exilierten Vertretern der „Prager Schule“ in Kontakt. Seine Arbeiten über Verwandtschaft, Symbolismus, Mythologie und so weiter basierten auf den Prinzipien, die er bei diesen Kollegen kennengelernt hatte. [1]

Arie de Ruijter führt als „Zutaten“ für Lévi-Strauss’ Denkweise Geologie, Psychoanalyse und Marxismus (diese nannte er selbst seine Lehrmeisterinnen), die Linguistik und die Soziologie beziehungsweise Sozialphilosophie an. [2] Er habe „auf sehr persönliche Art Elemente aus verschiedenen Disziplinen, theoretischen Orientierungen und philosophischen Strömungen selektiert. Fast jede seiner Ideen kann man auf eine oder mehrere Quellen zurückführen.“ [3]

1.1 Geologie, Psychoanalyse und Marxismus
Geologie und Psychoanalyse hatten für Lévi-Strauss dieselbe Botschaft: Scheinbare Unordnung kann man erklären, man muss nur Determinanten finden, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Hinter dem scheinbar Irrationalen liegt ein tieferer Sinn.
Der Marxismus war für Lévi-Strauss ebenfalls von prägender Bedeutung: er meinte in „Traurige Tropen“, dass er sich selten darauf einlasse, „ein soziologisches oder ethnologisches Problem zu entwirren, ohne zuvor meine Gedanken durch ein paar Seiten aus dem 18. Brumaire des Louis Bonaparte oder der Kritik der politischen Ökonomie angeregt zu haben.“
Trotzdem gibt es aber beträchtliche Unterschiede zwischen Strukturalismus und Marxismus, die vor allem in der Zielsetzung liegen: Während Marx sich hauptsächlich für die ökonomische Basis eines Systems interessierte, wollte Lévi-Strauss eine Theorie der kollektiven Ideen - des Überbaus also - erfinden. In diesem Sinne verstand er sich als Ergänzung zu Karl Marx.
Insgesamt waren die Beeinflussungen aus Geologie, Psychoanalyse und Marxismus vor allem methodologischer Art: Das Sichtbare ist niemals das Wahre, das Tatsächliche, denn dieses zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es sich entzieht. [4]

1.2 Linguistik
Als mindestens ebenso bedeutend für Lévi-Strauss’ Strukturalismus wertet Ruijter die Linguistik und ein Paket von Sozialphilosophie und Soziologie.
Dass Lévi-Strauss die Linguistik rezipierte, war zwangsläufig, da er Kultur als Kommunikations„maschine“ zwischen Menschen interpretierte. Die strukturalistische Linguistik war ihm zufolge revolutionär, „weil sie
a) die Untersuchung bewusster (linguistischer) Phänomene auf die Untersuchung ihrer unbewussten Determinanten verlagert;
b) Begriffe nicht als unabhängige Einheiten behandelt: Die Beziehungen zwischen den Begriffen bilden die Grundlage der Analyse.“ [5]
Diese Errungenschaften setzte Lévi-Strauss auch bei anderen Kulturaspekten als der Sprache ein. [6]

1.3 Sozialphilosophie und Soziologie
Bei Ruijters letzter „Zutat“, der Sozialphilosophie und Soziologie, bezieht Lévi-Strauss sich vor allem auf J-J. Rouseau. Das Studium anderer Gesellschaften erst vermag Aufschlüsse über die allgemeine Natur des Menschen zu geben. Auch die Achtung vor dem „edlen Wilden“ und die bedeutende Rolle der Sprache in der Entstehung von Gesellschaft finden sich ursprünglich bei Rousseau. [7]
Das „hinter die Fakten“ Zurückgehen, das Suchen der „tatsächlichen Struktur“ findet sich in Ansätzen schon in der französischen soziologischen Schule, namentlich bei Èmile Durkheim und Marcel Mauss, der mit der „Gabe“ der bedeutendste Ideengeber Lévi-Strauss’ war. [8]



2. Lévi-Strauss’sche Methode

Edmund Leach, sich selbst als Nachfolger Malinowskis sehend, meinte, Lévi-Strauss’ Methode erscheine „interessanter als die praktischen Ergebnisse ihrer Anwendung“. Lévi-Strauss werde nicht so sehr für die Neuheit seiner Erkenntnisse als vielmehr für die kühne Originalität bewundert, mit der er seine Methode anwende. Bekannte Fakten betrachte er unter neuen Aspekten. [9]
In Bezug auf Lévi-Strauss’ Feldforschung hatte Leach wenig Gutes zu sagen: Sie entsprach kaum der hohen Messlatte, die Borislaw Malinowski aufgestellt hatte. Eine genaue Untersuchung der „Traurigen Tropen“ ließe erkennen, dass er nie länger als einige Wochen an einem Ort geblieben sei und sich niemals flüssig mit einem einheimischen Informanten unterhalten konnte. Wie Jonathan Frazer verließ er sich auf die Informationen von Gewährsleuten und Dolmetschern und unterstellte zudem, „dass das einfache erste ‚Modell’, das durch den ersten Eindruck des Betrachters entsteht, ziemlich genau einer tatsächlichen (und außerordentlich wichtigen) ethnographischen Realität entspreche – nämlich dem ‚bewussten Modell’, das im Bewusstsein der Informanten vorhanden ist.“
Den zahlreichen Kritikern ist auch aufgefallen, dass Lévi-Strauss immer sofort zu finden scheint, was er gesucht hat. „Jeder noch so zweifelhafte Beweis ist akzeptabel, solange er in die logischen Erwartungen passt, aber wenn irgendeine Beobachtung den Theorien zuwiderläuft, wird Lévi-Strauss diesen Hinweis entweder übergehen oder seine gesamte polemische Begabung aufbieten, um die Ketzerei aus dem Tempel zu treiben.“ Leach deutet damit Lévi-Strauss’ ursprüngliche Profession als Philosoph und Jurist an, die ihn sich wie einen Advokaten vor Gericht verhalten ließe. Zudem sei er auch noch ein Dichter, denn wenn Lévi-Strauss „auch nicht direkt Gedichte geschrieben hat, so drückt sich doch in seiner ganzen Haltung gegenüber Tönen, Bedeutungen, Kombinationen und Wandlungen der Sprache seine Begabung dafür aus.“ [10]



3. Lévi-Strauss als Visionär: Zwei Beispiele

3.1 Zivilisationskritik in den „Traurigen Tropen“
Wer Lévi-Strauss’ ausgeprägten Wunsch, die miserable Situation der „Urvölker“ zu verbessern, nachvollziehen möchte, dem kann ich am meisten die „Traurigen Tropen“ von 1955 empfehlen. Meine deutlichste Erinnerung daran ist die poetische und engagierte Beschreibung der unglaublichen Tristesse, in der sich die völlig unschuldigen und mit einer noblen, der sie unterjochenden aber unterlegenen Kultur gesegneten Indianer des Amazonas befinden.
Jede der vier von ihm bereisten Gesellschaften (Caduveo, Bororo, Nambikwara und Tupi-Kawahib) charakterisiert Lévi-Strauss anhand eines hervorstechenden kulturellen oder sozialen Merkmals. Doch diese Darstellung ist nur ein untergeordnetes Moment des Buches, eigentlich handelt es sich um eine philosophische Zivilisationskritik, die sich bewusst in die Tradition Rousseaus stellt. Die westliche Zivilisation hat Unglück über sich selbst und den Rest der Welt gebracht. Der Ethnologe ist hierbei ein Phänomen der nicht glücken könnenden Flucht aus der eigene Gesellschaft.
Die weltweite Ausbreitung der westlichen Kultur und der Rückgang von kultureller Vielfalt im Zuge der Globalisierung würde Lévi-Strauss zufolge zu einem kulturellen Einheitsbrei führen – eine Prognose, die so nicht eingetreten ist, da sich Widerstände gegen diese Entwicklung schon lange formiert hatten. [11] Die „Traurigen Tropen“ haben diese Strömung gewiss beeinflusst.

3.2 Forderung nach Toleranz in „Rasse und Geschichte“
„Rasse und Geschichte“ ist ein besonders lesbar geschriebenes Pamphlet Lévi-Strauss’ für die verschiedensten moralischen Anliegen, aus dem man die von Leach kritisierten „advokatischen“ Absichten deutlich herausliest: Ethnozentrismus, eine dem Menschen innewohnende Eigenschaft, wird als ungerechtfertigt verworfen, ein falscher, manipulativer Evolutionismus als „verderblich“ bezeichnet, „Fortschritt“ beträchtlich relativiert, die Unterscheidung zwischen „stationärer“ und „kumulativer“ Geschichte wird als eine zwischen für uns „unbedeutender“ und „bedeutender“ Geschichte entlarvt, das Zusammen- und Aufeinanderwirken der Kulturen aufgezeigt und am Schluss die Erhaltung der verschiedenen Kulturen und Toleranz untereinander gefordert. [12]


4. Was blieb?

Lévi-Strauss’ Strukturalismus scheint sich selbst überlebt zu haben. Seine Anhänger in Paris hat Lévi-Strauss selbst nicht geschätzt, und ihr rigider Strukturalismus verebbte auch bald. Es gibt heute keine strukturalistische Schule mehr.
Lévi-Strauss’ hoher Grad der Abstraktion erschaffte systematisch eine große Distanz zischen ihm und jeder Art von konkreter Realität, meint Robert Deliège. Sein Werk sei oft mehr philosophisch und metaphysisch als soziologisch, und die Analysen seien zu wenig auf andere Fälle anwendbar gewesen. Deshalb seien sie oft eine Enttäuschung für junge AnthropologInnen, die bei ihrer ersten Feldforschung mit völlig verschiedenen Realitäten konfrontiert würden.
Als Beispiel führt Deliège seine eigene Erfahrung mit der Analyse von indischen Mythen der Unberührbaren an: Lévi-Strauss’ Mythenanalysen erwiesen sich für ihn als Vorbilder als zu „abgehoben“ und extrem, aber die Methode dahinter – Vergleich von verschiedenen Versionen, Suche nach inneren Widersprüchen, Entdeckung einer unter der Oberfläche liegenden Logik, … - sowie Lévi-Strauss Intuition und Fruchtbarkeit inspirierten ihn dennoch.
Auch die „Elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ würden den Leser nicht unberührt lassen, ebenso wie viele andere seiner Bücher. Sie haben eine Spur in den Sozialwissenschaften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterlassen.
Vielleicht, meint Deliège, fehlt der heutigen Anthropologie gerade dieser visionäre Aspekt, der Debatten auslöst, Kritik, Enthusiasmus und temperamentvolle Intellektualität. Kreativität und Erfindungsgeist ziehen sich durch Lévi-Strauss’ Werk. Er hat uns ebenso zum Träumen wie zum Denken gebracht, und er erinnert uns daran, dass Sozialanthropologie mehr sein kann als das simple Sammeln von Fakten und dass auch spekulative Generalisierung sich lohnen kann, selbst wenn sie sich oft als falsch herausstellt.
Deshalb inspiriere er immer noch zahlreiche Autoren, „and I believe this will continue to be the case for a long time to come, for the treasure house of his thought is far from being exhausted”. [13]
Diesen lichtvollen Ausführungen möchte ich mich gerne anschließen. Wenn ich Lévi-Strauss lese, dann erschließt sich mir eine Welt, deren faktische Wahrheit ich zwar zunächst anzweifle, die ich aber mit jenem Vergnügen aufnehmen kann, das mich sonst nur bei erzählender Literatur befällt und die mich zu inspirieren vermag.




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Verwendete Literatur

Barnard, Alan: History and theory in anthropology, Cambridge 2000

Deliège, Robert: Lévi-Strauss Today. A Introduction to Structural Anthropology, Oxford/New York 2004

Kohl, Karl-Heinz: Claude Lévi-Strauss. In: Feest, Christian F./Kohl, Karl-Heinz (Hg.): Hauptwerke der Ethnologie, Stuttgart 2001, S. 238-250

Leach, Edmund: Claude Lévi-Strauss zur Einführung, Dresden 1991

Lévi-Strauss, Claude: Rasse und Geschichte, Frankfurt am Main 1972

Ders.: Traurige Tropen, Frankfurt am Main 1989

Ruijter, Arie de: Claude Lévi-Strauss, Frankfurt/New York 1991


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Endnoten

[1] Vgl. Barnard S. 121-124

[2] Vgl. Ruijter S. 15

[3] Glucksmann, Miriam: Structural Analysis in Contemporary Social Thought. A Comparison of the Theories of Claude Lévi-Strauss and Louis Althusser, London 1974, S. 63. Zit. nach: Ruijter S. 14

[4] Vgl. Lévi-Strauss, Tropen S. 49-52

[5] Ruijter S. 17

[6] Vgl. Ruijter S. 18

[7] Vgl. Ruijter S. 19

[8] Vgl. Ruijter S. 19-21

[9] Vgl. u. wörtl. zit. aus Leach S. 9

[10] Vgl. u. wörtl. zit. aus Leach S. 20-22

[11] Vgl. Kohl S. 246-249

[12] Vgl. Lévi-Strauss, Rasse S. 16 f., 25, 33-37, 66-74, 80 f.

[13] Vgl. Deliege S. 137-138

2 Comments:

Blogger Andrea said...

Ein wohlstrukturierter, gut formulierter, interessanter Essay, randvoll mit interessanten Details.

Meine Kritik bezieht sich nur auf Kleinigkeiten:

a) J-J. Rouseau: Doppel-S und den Vornamen würde ich nicht abkürzen, der Verständlichkeit halber.

b) In den Quellennachweisen am Ende des Textes fehlt der Verlag. Außerdem solltest du die genaue Seite angeben, wenn du wörtlich zitierst (siehe Lévi-Strauss-Zitat).

c) Malinowski heißt nicht Borislaw sondern Bronislaw mit Vornamen.

d)Du nützt deine vielfältigen Quellen sehr gut, dennoch wäre - für mein Gefühl - ein bißchen mehr "Eigenes" interessant - zB. am Ende des Essays.

9:05 vorm.  
Blogger silke said...

Danke für die Blumen *freufreu*. Das beruhigt mich (war ein bisschen unsicher diesmal). Muss gestehen dass ich deine Essays auch immer lese und die mir auch wirklich zum besseren Verständnis dienen (vor allem jetzt zur Prüfungszeit). Und genau aus diesem Grund finde ich die Idee des Weblog auch so gut....
Muss jetzt weiter lernen...viel erfolg auch dir.... glg silke

1:00 nachm.  

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